| AMEISENZERSCHNEIDER
Reife
Liebe. Zärtlichkeit im Alter. Sex im Altersheim. „Lieber
Gott, mach, dass es nicht wahr ist,“ flüsterte Anna. „Das ist
doch Rudolf. Was macht der hier?“ Jahrzehntelang war er Stammfreier
gewesen. Hatte sie vermutlich als seine große Liebe betrachtet. Er hatte
sich als Franz, sie sich als Pedelaris vorgestellt. Als er sich bei ihr einmal
duschte, fiel sein Ausweis aus der Jacke. Seitdem kannte sie seinen Namen, wusste,
dass er ein hoher Ministerialbeamter war. Josef hatte sich bei ihr schon einige
Male über seinen Zimmerkollegen beklagt, der fast blind war. Stur sei er
und eigensinnig. Dass es sich um Rudolf handelt, hätte sie nicht in ihren
kühnsten Träumen gedacht. Jetzt, jetzt, im letzten Abschnitt ihres Lebens,
musste sie ihn noch einmal treffen. Sie hatte gehofft, in diesem Pensionistenheim
am Ende der Welt unerkannt zu bleiben. Wollte hier ihr Leben in Frieden beenden.
Nur noch Anna sein, nie mehr Pedelaris... Und
ewig lockt das Weib! Auch im Altersheim. Drei Männer, der blinde Rudolf,
pensionierter Ministerialrat, Josef, Hilfsarbeiter und ehemaliger Polenflüchtling
und Jahn, Maler mit Hang zum Aberglauben umschwirren Anna. Diese hieß früher
Pedelaris und Rudolf war Stammfreier. Die Schicksale der im „letzten Haus
Angekommenen“ greifen ineinander und geraten unweigerlich zur Eskalation
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Leseprobe
AMEISENZERSCHNEIDER Jeder
hat einen dunklen Fleck in seiner Vergangenheit
Das war doch diese raue, herbe Stimme mit dem unglaublichen Timbre. Plötzlich
vibrierte alles in Rudolfs Körper, als hätte er einen Presslufthammer
verschluckt. Sein Körper füllte sich mit Wellen ungestüm pulsierenden
Blutes. Wie lange hatte er sie nicht mehr gehört? Über drei Jahrzehnte
musste es her sein, seit er an einem Montag vor der Tür im Souterrain gestanden
und das verfluchte Wort "Neueröffnung" gelesen hatte. Dabei
kam es ihm wie gestern vor: lange schlanke Beine, wie er sie sich schon immer
erträumte. Die über ihm in schwarzen Netzstrümpfen aufragten. Unglaublich
erotisch und unglaublich aufregend. "Mein Gott", stammelte er. "Pedelaris.
Es ist Pedelaris." Rasch trat er einen Schritt in sein Zimmer zurück.
Die Tür ließ er angelehnt, wollte das Gespräch mitverfolgen. Rudolf
hörte, wie sie sagte: "Das Haus ist sehr schön und gepflegt."
"Ja, wir bemühen uns um das Wohl der Bewohner", antwortete der
Direktor. Warum führte der Leiter des Heimes Pedelaris durch das Haus?
Der Blindenstock fiel ihm aus der Hand. Er hob ihn auf und drückte sein Ohr
wieder in die Türspalte. Ihre Worte prickelten wie Champagner in seinem Körper.
Das Leben zu Ende zu Leben ist kein Kinderspiel
(Boris Pasternak)Hier im Heim
würde sie zur Ruhe zu kommen, Frieden schließen mit der eigenen Vergangenheit.
Hier wollte sie wieder Anna heißen. Jahrzehntelang war sie nicht Herrin
ihres Lebens gewesen, hatte sie das Gefühl gehabt, wie auf einem Förderband
durch das Leben gezogen zu werden, immer in Angst, vom Band zu fallen. Ihr
Elternhaus. Die Zeit als Domina. Ihre Ehe. Jetzt war dieses Band nach so vielen
Jahren endlich stehen geblieben. Wie viel hatte sie sich von der Ehe erwartet,
wie wenig hatte sie bekommen. Wie elend sie sich vor der Scheidung gefühlt
hatte! In einem Straflager hätte sie wenigstens Aussicht auf Flucht gehabt.
So aber war sie in sich selbst gefangen. Anna hatte Angst vor dem Altwerden.
Davor, dass die Kräfte abnahmen, dass sie immer langsamer wurde, dass ihre
Hüfte ihr immer mehr Wege verbot. Davor, dass sie auf die Schwestern angewiesen
wäre, nicht mehr alles selbst im Griff hätte. Wenn sie die alten Männer
und Frauen in der Eingangshalle sitzen sah, wie sie auf die Tür starrten,
in der Hoffnung, doch noch Besuch zu bekommen, dass etwas, irgendetwas die Tage
unterbrechen möge! Der lange Händedruck beim Abschied. Wie sie endlos
redeten, wenn ihnen die Schwester das Essen brachte. Am Abend, wenn sie den
Wein getrunken hatte, nahm sie den grauen Umhang, umhüllte damit ihren Körper.
Öffnete behutsam die Tür zum Park. Wollte nicht gesehen werden. Wollte
allein sein. Dann eilte sie hinunter zum kleinen Bach. Setzte sich auf die Holzbank,
die nahe dem Ufer stand. Es war ihr, als würde sie den vergangenen Tag zum
Ufer des Flüsschens tragen. Manchmal blieb sie dort, bis es dunkel wurde.
Sie stützte den Arm auf die Lehne der Bank. Sah zu, wie die Nacht kam. Nicht
aus einer bestimmten Richtung. Sie kroch langsam von allen Seiten heran. Breitete
sich aus wie schwarze Tinte auf einem Löschblatt. Oft blieb Anna, bis es
tiefdunkel war und der Mond schwer wurde. Sie konnte sich nicht von der Stelle
lösen. Sie war im Einklang mit der Natur. Hier entsorgte sie das Tagesgeschehen
in dem kleinen Fluss. An manchen Tagen saß sie so lange, bis sie fror und
die Sterne zu leuchten begannen. Das bläuliche Mondlicht nahm sich zwischen
den Bäumen wie Schimmel aus. Es berührte sie nur leicht. Streifte sie
nur zärtlich. Unter den Zweigen der großen Linde wirkte die Nacht sehr
still, schwarz und tief. Das Altenheim oben warf seinen Schatten. Einen tief umrissenen
Schatten. Der Mond ließ auch den Wald am Horizont wie in einem Schattenspiel,
wie ein wogendes Meer aussehen. Hier fand sie die Kraft, ihr Leben am nächsten
Tag wieder neu zu beginnen
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| „Lebe,
so als wäre jeder Tag dein letzter, gleichgültig, was man darüber
denkt!“ Kristina zog die Geheimlade
ihres Schreibtisches auf und suchte das « bestimmte Couvert ». Den
orangefarbenen, großen Umschlag, den sie immer wieder mit Klebstoff fest
verschloß, wonach sie über den Verschluß mit schwungvoller Schrift
ihre Paraphe schrieb und ihn dann wieder in die Lade zurücklegte. Manchmal
vergaß sie diese Botschaft, die in ihrem Sekretär schlummerte. Aber
dann gab es Tage, da mußte sie einfach nachsehen, ob noch alles gut verklebt
wäre oder ob doch schon jemand den Weg zu ihrer Geheimbotschaft gefunden
hätte. Denn noch war nicht Zeit dafür. Manchmal, an Tagen, an denen
ihre Stimmung melancholisch war, wenn sie an die vielen, vielen Erlebnisse ihres
Doppellebens dachte, da nahm sie Platz an ihrem Schreibtisch und vertiefte sich
in die Lektüre. Und oft fragte sie sich, ob sie alles in ihrem Leben richtig
gemacht hatte. Doch wer hat das schon? Wer kann von sich behaupten, alles in seinem
Leben immer nur im wahren Bemühen um Ehrlichkeit, Gerechtigkeit und Liebe
getan zu haben? Wer saß nicht im Glashaus? Wer wollte den ersten Stein werfen?
Wer wollte andere verurteilen, wenn er selbst Fehler machte? Wer gab zu Egoist
zu sein? Sicher ist eine gesunde Portion von Eigenliebe lebensnotwendig. Vor allem
bei Frauen, denn diese können bis zur Selbstaufopferung helfen. Sie dienen,
immer im Bestreben geliebt zu werden, im Bemühen allen alles recht zu machen,
mit dem Ziel vor Augen, anerkannt und geschätzt zu sein. Doch tief drinnen
in ihrem Herzen zu wissen, dass sie nur ausgenutzt wurden. Dann fressen sich langsam
Trauer, Wut und Verzweiflung über ein Leben, das sie führen, aber gar
nicht wollen, in ihnen fest und die Spuren werden von Jahr zu Jahr stärker
sichtbar. Kristina hatte diese Entwicklung an sich beobachtet, hatte begonnen
ein Doppelleben zu führen, um ihre Seele zu retten, um ihre Gefühle
nicht sterben zu lassen, um einen Weg aus ihrer Trostlosigkeit und ihrem Pflichtbewußtsein
zu finden. Die Papiere, die sie nun in der Hand hielt, waren Zeugnisse einer Zeit,
von der allein sie aussagen konnten, was sich abgespielt hatte. Diese Aufzeichnungen
waren Beichtvater, Therapeut, Psychologe, Freund, Berater, Seelenverwandter; sie
waren Wegweiser; sie waren geduldig und aufmerksam, sie waren immer zur Hand,
sie warteten zu jeder Stunde und Sekunde des Tages und zu ihnen konnte Kristina
immer Vertrauen haben. Diese Papiere würden nie sagen: „jetzt habe
ich keine Zeit“, sie würden nie sagen: “heute ist aber ein eher
ungünstiger Tag“, sie würden nie sagen: „ich habe selbst
Probleme und kann dir leider nicht zuhören ...“ Bemerkungen, Andeutungen,
wie sie Kristina oft und oft erfahren hatte, um sich dann enttäuscht zurückzuziehen.
Mit der Trauer, mit dem Kummer im Bauch, und nie wußte sie, wohin damit.
Hier mußte sie nicht bitten: „hast du jetzt Zeit?“, musste nicht
warten, so lange, bis die Fragen, die sie stellen wollte, schon verpufft waren,
schon nicht mehr auf der Zunge brannten, bis sie vor lauter Geduldigsein verloren
gingen.
„Nimm ein Kompliment als das, was es ist: positive Energie für den
ganzen Tag“
Kristinas T-Shirt klebte an ihrem Rücken fest, sie hatte beim Aufstieg stark
geschwitzt. Aber der Ausblick von diesem kleinen Hügel versöhnte sie
mit der Anstrengung und so stand sie dankbar da und ließ das Naturschauspiel
auf sich wirken. Die Sonne strahlte, sie spürte ihre Wärme im Gesicht.
Das Licht war schon sehr grell, so daß Kristina blinzeln mußte. Wie
schön war doch die Natur, wie friedlich lag das Land unter ihnen, wie herrlich
blau war der Himmel und wie wohltuend war es nichts zu hören außer
dem Zwitschern der Vögel und dem eigenen Atem. Der hatte sich nun beruhigt.
Kristina wußte, sie hatte heute früh etwas geleistet, weil sie es selbst
gewollt und nicht weil sie jemand dazu überredet oder angetrieben hatte.
Das war ihr zuwider: Immer zu Höchstleistungen angetrieben zu sein, um in
der Gesellschaft, um im Verwandtenkreis bestehen zu können. Um keine Vergleiche
scheuen zu müssen, wer der Beste wäre, wer der Tapferste, der Klügste,
der Fleißigste. Immer wurde verglichen und gemessen, alles war reiner Konkurrenzkampf.
Es zählte nicht mehr der Charakter, nicht mehr das persönliche Wesen,
es zählte nur mehr, daß man alle ausgestochen hatte und damit prahlen
konnte. Wie gerne würde sie diese Menschen packen und rütteln und so
lange hin- und herschütteln, bis sie begriffen hatten, daß es um mehr
ging, als um die Leistung oder darum, daß man besser war als der Nachbar
oder die Nachbarin. Daß es wichtiger war, Lebenswertes zu erhalten, die
Natur zu schonen und zu schützen vor allen Forschungsprojekten, die sich
über unsere Lebensmaximen hinwegsetzen. Die dem Menschen die letzten Ressourcen
nehmen wollen, die noch geblieben sind. Doch wer bestimmte, was lebenswert ist?
Die Medien? Die Zeitungen, die Journalisten, die Ärzte? Kristina stand unbeweglich.
Sie hatte die Hände Richtung Sonne gestreckt, hatte ihre Augen geschlossen
und sah doch ganz genau die wunderbare Landschaft vor ihrem geistigen Auge. Alles
strahlte eine ungeheure Kraft und gleichzeitig Frieden aus, alles war im Einklang
mit ihr und ihrem Wesen. Sie fühlte sich so gut wie schon lange nicht mehr,
sie fühlte sich verbunden mit dem Universum, mit allen Kräften um sie
herum und sie war glücklich. War dies möglich? Glücklich zu sein,
nur weil man in der Natur stand, nur weil man die Sonnenstrahlen auf sich spürte,
nur weil man gleichmäßig atmete? War dazu nicht jemand anderer notwendig?
Genügte man sich auf diese Weise tatsächlich selbst? Wohlig weich fühlte
sich ihr Körper an, leicht wie der Wind; nichts tat ihr weh, nirgendwo war
mehr ein Stechen zu spüren, nur ihr Atem begleitete sie und die Kraft der
Sonne leuchtete sie aus, breitete sich aus, erwärmte ihr Herz, ließ
sie eine ungeheure Dankbarkeit empfinden. Eiligen Schrittes ging es wieder hinunter.
Jessica hüpfte vor ihnen her, und alle machten es ihr gleich. Ein richtiges
den- Berg-hinunter-Stürmen ging vor sich, Lachen lag in der Luft, Fröhlichkeit
breitete sich aus und flog in den Himmel, wie um Menschen, die nicht so glücklich
waren wie sie eben aufzuwecken aus ihrem Dornröschenschlaf und sie mit ihrer
Heiterkeit anzustecken. So schnell sie die Beine trugen, übersprangen sie
kleine Steine, wichen geschickt großen Wurzeln aus und liefen dem Frühstück
entgegen. Das hatten sie sich wohl redlich verdient.
„Von der Wiege bis zum Tod brauchen wir Zärtlichkeit.“
Wem tat sie weh, - tat sie wem weh? wenn sie das, was das Natürlichste
der Welt war: einen anderen Menschen zu spüren, zu fühlen, sich nicht
gestattete? Nur sich selbst würde sie verletzen. Wie oft hatte sie sich selbst
weh getan, - immer wieder - weil sie ihre Wünsche ignoriert hatte. Aus moralischen
Gründen. Sie hatte immer auf andere Rücksicht genommen. Nimm Rücksicht,
hatte es geheißen. War es nicht ein Fingerzeig des Schicksals, das Schicksal
sprach zu ihr, jetzt, gerade jetzt, da sie sich mit der Liebe beschäftigte,
jetzt wurde ihr diese dargeboten - Ihr, sie war gemeint. – Nur sie. - Sie
hatte die Wahl: links gehen - rechts gehen? Wohin gehen? Welchen Weg? –
Ihr Gefühl, ihr Gefühl, was sagte ihr Gefühl? - Sollte sie ihm
trauen? Oder dem Verstand? – Dem Verstand nachgeben? – Schon wieder,
immer wieder? - Sollte sie den erhobenen Zeigefinder beachten, was sagte er? –
Was wollte er? – Er war das schlechte Gewissen. – Nein, kein schlechtes
Gewissen! – Nur jetzt! Jetzt. Genießen, einfach genießen!
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