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Rezensionen zu:
AMEISENZERSCHNEIDER

AMEISENZERSCHNEIDER

Bewertung: TEXT_OF_5_STARS

Datum: Montag, 05. Januar 2009
Autor: Gast

Rezension:
Jahrelang war Rudolf jede Woche zu ihr gegangen, zu der Domina, die ihm seine sexuellen Wünsche wahr macht. Dann war sie eines Tages verschwunden. Jetzt sitzt er blind im Altenheim und trifft sie wieder. Die Frau, die ihm seine sexuellen Wünsche verwirklicht hat.

Jetzt, im Alter, blühen noch einmal alle diese Gefühle in ihm auf. Für ihn wird sie die Liebe seines Lebens. "Angstblüte" hat Martin Walsers das in seinem Roman genannt, der genau wie "Ameisenzerschneider" das Alter thematisiert. Ein Thema, das selten in Romanen auftaucht; obwohl wir immer älter werden, lieben Verlage die jungen Helden. Im Alter hat man weise und abgeklärt zu sein. Blickt vielleicht auf frühere Gefühle, Liebschaften zurück, hat aber keine mehr.

Die Personen im "Ameisenzerschneider" blicken auch zurück. Auf ihre Vergangenheit, geprägt durch eine Kindheit im Krieg, durch Ehen und Liebschaften, durch Kinder. Enttäuschungen und Fehler, die man beging, Hadern mit Gott und Höhepunkte des eigenen Lebens, sie alle ziehen vorbei an Rudolf, der in einem Ministerium Karriere machte, dessen Ehe aber durch die Sekte der "Marienherzler" scheiterte; an Josef, der als Vertriebener nie so recht Fuß in Österreich fassen konnte, an Jahn, dem Künstler mit drei Ehen, an Anna-Pedelaris, die als Domina arbeitete und sich später in eine Ehe flüchtete.

Das Altenheim, in dem der Tod immer gegenwärtig ist und fast noch mehr gefürchtet als ist, Alzheimer und geistige Verwirrung, die immer wieder Opfer finden. Und doch sind die Gefühle immer noch lebendig, was schlussendlich gipfelt in ...

Doch das müssen Sie schon selbst lesen.

Mayer-Proidl hat ein berührendes Buch über das Alter geschrieben, frei von Sentimentalitäten und gängigen Klischees. Die Personen wachsen uns ans Herz und bilden ein Panoptikum einer Generation und deren Geschichte. Ganz anders als Martin Walsers "Angstblüte" und doch so ähnlich. Dass beide Bücher fast zeitgleich erscheinen, lässt hoffen, das Verlage (und Autoren) vielleicht nicht nur Jugend, sondern auch das Alter als Thema entdecken.

(c) Hans Peter Roentgen


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